Evangelischer Kooperationsraum Südlicher Odenwald

Schutzraum statt Schutzmaske

Der Ausnahmezustand hält unvermindert an und ein Ende ist nicht in Sicht. Frühestens Ende April werde man darüber nachdenken, welche Lockerungen möglich, sinnvoll und vielleicht auch notwendig sein werden. Aber sicher ist das alles nicht. Im Moment können keine verlässlichen Aussagen über die Zukunft getroffen werden. Was wir gerade erleben ist einzigartig. Die Katastrophen der Vergangenheit haben sich meist in anderen Teilen der Welt abgespielt. Wir waren eher die Zuschauer, die vielleicht mit einer gewissen Betroffenheit über die Tageszeitung die ‚Nachrichten aus aller Welt‘ zur Kenntnis genommen haben. Aber an den persönlichen Urlaubsplanungen oder dem bevorstehenden Wochenendausflug hat das nie etwas geändert. Konflikte, Kriege, Naturkatastrophen und Epidemien spielten sich immer in sicherer Distanz zur eigenen Komfortzone ab. Die Krise ist aber nun in unser Leben eingebrochen und stellt alles auf den Kopf, was bislang so selbstverständlich erschien. Das Gewohnte ist unterbrochen und eine gewisse Unsicherheit macht sich bemerkbar, ob wir zu der gewohnten Normalität jemals zurückkehren werden.

Über die Einschätzung der entstandenen Situation und ihre Folgen wird man noch lange im Ungewissen sein. Klar ist aber schon heute, dass mit dem Beginn der Industrialisierung vor 250 Jahren ein gigantischer Wirtschaftskreislauf in Gang gesetzt wurde, der immer größer und umfassender wurde und nun stillsteht. So etwas war unvorstellbar. Immer ging es nur um Wachstum und Eindämmung seiner negativen Begleiterscheinungen. Jetzt wurde diese unermüdlich laufende Wertschöpfungskette unterbrochen, an der unsere Lebensentwürfe gekoppelt sind. Was das für unsere Zukunft bedeutet, darüber kann man nur spekulieren aber es wird gravierende Folgen haben, das ist schon heute sicher. Wir werden sicher nicht irgendwann einfach da weitermachen können, wo wir vor wenigen Wochen aufhören mussten.

Was gibt uns Mut und Zuversicht in dieser Zeit? Darauf werden Menschen sehr unterschiedliche Antworten geben und die Angebote sind sehr vielfältig. Sind unsere Lebenswelten doch recht verschiedenen und manches Gutgemeinte stellt sich für viele Menschen einfach als unbrauchbar heraus. Eine alleinerziehende Mutter braucht etwas anderes als ein Ladenbesitzer, ein Spargelbauer ist gerade mit einer anderen Herausforderung konfrontiert als Lehrer:innen, die den digitalen Unterricht erlernen müssen.  In Krankenhäusern ist es wichtig, dass genügend Masken und Schutzkleidung vorhanden ist und genügend Intensivbetten bereitstehen. Es geht um notwendigen äußeren Schutz, um sich den Virus nicht einzufangen und zu verbreiten. Wie aber sieht es mit der anderen Art von Schutz aus? Wie schützen wir uns vor Pessimismus, Resignation, Frustration und Zynismus? Es geht um die Frage nach unseren Seelen und wie es uns gelingen kann, dass sie in diesen Zeiten keinen Schaden nehmen. Wie schützen wir unsere Seelen? Herkömmliche Masken bieten da keinen ausreichenden Schutz.

Die allgemeine Krise hat viele Facetten und drückt sich sehr unterschiedlich aus. Es kann also keine allgemeingültige Antwort geben auf die vielen Fragen, die uns gerade umtreiben. Aber vielleicht gibt es Bilder, in denen wir uns wiederfinden können, die uns besser verstehen als wir dazu gerade in der Lage sind. Bilder entfalten mitunter eine geheimnisvolle Wirkkraft. Man sagt, sie sprechen uns an. Ein solches Bild könnte in diesen Tagen die Arche sein. Dahinter verbirgt sich eine Geschichte, die gerne in Kindergottesdiensten erzählt wird aber immer wieder auch Künstler zu ausdrucksstarken Bildern inspiriert hat. Auf den ersten Blick wirkt die Geschichte etwas naiv. Eine Katastrophe zieht über die Welt und nur der gottgläubige Noah und seine Familie werden vor dem Untergang bewahrt.

Vielleicht sollten wir uns eher fragen, was meine Arche gerade ist und traue ich ihr wirklich zu, mich zu schützen und vor dem Schlimmsten zu bewahren? Die Corona-Pandemie hat viel gemein mit einer Sintflut. Alles, was Bestand hatte, fühlt sich unsicher an und steht auf wackligem Boden. Wird das alles noch da sein, werde ich noch da sein, wenn alles einmal vorüber ist? Wer schickt die Taube raus, die uns den rettenden Ölzweig bringt und das Ende der Pandemie ankündigt? Im Moment aber fragen wir uns, wo die Arche steht und ob ich überhaupt einen Platz darin bekomme.

Die Arche ist das Bild für einen Schutzraum, der uns vor Gefahren bewahrt. Es ist ein Raum, der uns behütet. Dieser Wunsch wird in diesen Tagen sehr oft ausgesprochen: Sei behütet! In diesem Wunsch drückt sich die Sehnsucht nach einem Ort aus, der mir eine innere Sicherheit gibt. Schutzräume hatten schon immer in Zeiten der Bedrohung eine große Bedeutung gehabt und verdanken sich der Einsicht, dass das Leben ohne Schutz nicht überlebensfähig ist. In erster Linie schützen sich Menschen, in dem sie füreinander da sind. Dies geschieht durch alle erdenklichen Formen von Nähe, die wir eingeübt und entwickelt haben. Um anderen Menschen aber dieses Gefühl vermitteln zu können, braucht es eine gewisse innere Stärke und Sicherheit, um diese überhaupt weitergeben zu können. Das hat nichts mit Coolness zu tun, die oft nur die eigene Angst verdrängt, sondern mit einem Vertrauen in das Leben. Es braucht Orte, an denen ich das erfahren kann.

Die Arche ist ein Bild für einen Raum in unserem Leben, in dem wir dieses Vertrauen erleben können. Kirchengebäude werden gerne auch als Kirchenschiffe bezeichnet. In dem Bild des Schiffes taucht das Motiv der Arche wieder auf. Ein schwimmender Schutzraum, der uns vor dem Ertrinken in unseren Ängsten und Unsicherheiten bewahrt. Wer sich in Kirchen aufhält, erzählt immer wieder von dem Gefühl der Geborgenheit. Das hat sicherlich mit der Größe der Räume zu tun und den dicken Mauern, die diesen Raum umgeben. Es hat aber auch damit zu tun, dass diese Räume gefüllt sind mit den Geschichten, die über Gott und die Menschen erzählen, von den Gebeten und Liedern der Menschen, ihren Nöten und Hoffnungen. Kirchen sind Kraftorte, die uns inneren Halt geben können. Kirchen sind auch eine Arche, die uns Schutz gewährt. Manchmal verlassen wir diese Orte anders als wir hineingegangen sind. Wir fühlen uns innerlich gestärkt, schauen ein wenig hoffnungsvoller und zuversichtlich in die Zukunft. Wir kommen an diesen Orten mit einer Wirklichkeit in Berührung, die uns eine Ahnung jenseits unserer Möglichkeiten gewährt. Immer wenn wir an unsere Grenzen stoßen, dann ist es not-wendend, ein Leben jenseits dieser Grenzen in den Blick zu bekommen. Damit dies gelingt, brauchen wir Kirchen als Kraftorte, eine Arche als Schutzraum. Sie bieten keine einfachen Lösungen für komplexe Herausforderungen aber die nötige Zuversicht, sich in diesen Tagen nicht von der Angst treiben zu lassen.

Jörg Awischus, Pfarrer                                                                   Hirschhorn, den 04. April 2020

 

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