Evangelischer Kooperationsraum Südlicher Odenwald

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Eine Erzählung von:
Reinhold Hoffmann

Odenwälder Landstr. 1
64760 Oberzent - Rothenberg

 

Also das sage ich Euch:
Noch einmal passiert mir das nicht!
So eine Frechheit!
Das passiert mir ja selten – aber ich war wirklich sprachlos!

Ich hab grad meine Eselin angebunden, zusammen mit ihrem Jungen. Simeon hatte mich gebeten, für ihn ein paar Körbe mit Töpferwaren nach Jerusalem zu bringen. Die will ich grad holen.
Also: Ich bin nur ein paar Schritte gegangen, da sehe ich aus dem Augenwinkel, dass sich zwei Männer an meiner Eselin zu schaffen machen.

Hey, rufe ich, das sind meine!
Was tut ihr da?

Die Zeiten sind hart heute! Selbst Menschen mit den besten Ansichten nehmen es manchmal nicht gar so genau mit der Wahrheit und der Ehrlichkeit. Da muss man aufpassen.
Geld hat sowieso keiner. Und wenn man da zwei gesunde Esel stehen lässt, dann kann das schon passieren, dass da einer Interesse hat!
Also:
Hey! - rufe ich
Hey, das sind meine!

Dass sich die Soldaten einfach nehmen was sie haben wollen, das ist man ja schon beinahe gewöhnt. Die haben den Kaiser im Rücken oder den König und glauben, sie könnten sich alles erlauben. Tun so, als gehöre ihnen die ganze Welt. Und bei Soldaten ist man besser still. Aber das sind keine Soldaten, keine römischen und keine von uns. Dass schon ganz normale Leute sich gegenseitig bestehlen…
Wo soll das noch hinführen?
Hey, rufe ich, und renne los,
Hey, das sind meine.

Meine Faust ist schon geballt, und ich will gerade ausholen, um dem Einen so richtig eine zu verpassen, da schau ich ihm in die Augen, und er mir. 
...
Also, ich bin ja Händler. Ich bin oft auf dem Markt, und ich habe es ständig mit Lügnern, Betrügern und Dieben zu tun. Wenn ich einem in die Augen schau, dann sehe ich gleich, ob einer lügt oder die Wahrheit sagt. Aber der: nimmt sich meine Eselin – meine Eselin, und schaut mich dabei an als ob er das Selbstverständlichste und Richtigste auf der Welt tun würde und sagt nur:
„Ich weiß. Aber der Herr braucht sie“
Dann lächeln dien beiden nur und gehen einfach weiter.
Soviel Frechheit ist mir noch nicht untergekommen.
Ich bin sprachlos

Ich denk grad noch: Na und? … Wenn ich etwas brauch, kann ich es mir auch nicht einfach nehmen … Abgesehen davon: kenne ich Euren Herrn? … Muss ich ihn kennen? … Sagt mir doch sein Namen! … Wozu braucht er sie überhaupt? …
Ich hab tausend Fragen in meinem Kopf
Tausend Vorhaltungen und tausend Anklagen…
… da verschwinden die auch schon in Richtung Stadttor

Ich hinterher. – Allerdings mit Abstand. Man weiß ja nie – so sicher wie die sich ihrer Sache waren, vielleicht sind da ja noch mehr.
Tatsächlich: Hinter den Bäumen dort steht eine Gruppe von elf Männern. Einer in der Mitte, zehn drum herum. Heftig diskutieren sie miteinander. Ein paar Brocken schnappe ich auf: Von „Reich Gottes“ ist die Rede, von „Frieden“. Einer sagt, alles müsse neu werden! Von einem „neuen König“ spricht ein Anderer. Als die beiden mit meinen Tieren kommen, wird die Gruppe auf einmal ganz ruhig. Hört auf zu reden. Voller Ehrfurcht treten die Zehn zur Seite und ließen den in der Mitte zu meiner Eselin gehen.
Aber bevor er aufsteigen kann, hat auf einmal einer seinen Umhang abgelegt und ihn auf den Rücken des Tiers gelegt. Und die anderen machen es ihm gleich nach. Einer nach dem Anderen ziehen sie ihren Umhang aus und legen ihn auf den Eselsrücken oder auf das Jungtier. Und dann steigt der Eine auf.
Wie ein König.

Was ich bis dahin gar nicht gesehen hatte, hinter der Gruppe stehen noch mehr Menschen. Und sie alle folgen nun dem merkwürdigen Zug runter nach Jerusalem. Ich weiß gar nicht wo auf einmal all die Menschen herkommen. Aber der Straßerand ist plötzlich voll von Menschen. Und die begrüßen und bejubeln diesen Eselsreiter wie einen König.
„Hosianna!“ -  rufen sie !
„Hosianna, dem Sohn Davids!“

Einen frage ich dann, wer das da überhaupt sei. Das ist doch Jesus, der Prophet aus Nazareth bekomme ich zur Antwort. Und wie er das sagt, da klingt das, als hätte ich die wichtigste Neuigkeit der letzten tausend Jahre verpasst.
Ehrlich, ich hab keine Ahnung wer das ist. Jesus, ein Prophet? Aus Nazareth? Ein Bergdorf von Wegelagerern. Da kommt doch nur Gesindel her…

Aber beeindruckt war ich.
Was für ein Zug!
Was für ein Auftritt!
Und ein bisschen stolz war ich auch!
Meine Eselin!
Meine Eselin trägt den, dem sie alle zujubeln.
Ob das jemand sieht oder erkennt, dass das meine Eselin ist?
Gut sieht sie aus!
Ich habe sie auch immer gut gepflegt.
Gutes Futter kriegt sie.
Doch, es ist schon genau das richtige Tier für so einen Auftritt.

Obwohl, … warum nimmt der nicht ein Pferd, das wäre doch viel prächtiger und glanzvoller! Mit einem Pferd reitet man in eine Schlacht! Nicht mit einem Esel! 
Allerdings, wie Kämpfer sehen die alle nicht aus. Und der Prophet selber schon gar nicht.
Das wäre mal eine besondere Idee:
Ein König der nicht Krieg sondern Frieden macht.
Ein König der nicht Geld aus uns herauspresst, sondern uns in Frieden leben lässt.
Ein König der sich nicht für was Besseres hält sondern weiß, was für Sorgen wir in unseren Häusern und Dörfern haben.

Da fällt mir etwas ein.
Mein Vater hat mir Texte von Propheten aufgesagt.
Ein paar hab ich auch gelernt. Besonders diesen hab ich gemocht:
Du,
Tochter Zion,
freue dich sehr,
du,
Tochter Jerusalem,
jauchze!
Siehe, dein König kommt zu dir,
ein Gerechter
ein Helfer,
arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.

Ihr mögt mich ja für irre oder sentimental halten. Aber in diesem Augenblick habe ich gedacht:
Jetzt!
Jetzt wird das wahr!
Gott hat uns nicht vergessen!
Dieser Mann da auf meiner Eselin, der hat mir gefallen!
Für einen Augenblick war ich angefüllt von Hoffnung für unsere Welt. 

Und dann ist alles vorbei. Der Lärm der Menschenmenge ist verklungen. Ich steh noch da und hänge meinen Gedanken nach.
Da klopft mir auf einmal einer auf die Schulter.
Als ich mich umdreh, schau ich in die Augen von dem einen, der sich da meine Eselin geholt hatte. Und mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie er vorhin das Tier am Strick weggeführt hat, reicht er mir jetzt den Strick von ihr und sagt:
„Ich danke Dir! Du siehst ja: der Herr hat sie gebraucht!“

Alles vorbei? 
Eigentlich nicht.
Tief in mir spüre ich diese Hoffnung immer noch. Ich weiß, es lohnt sich, sich an diesen Mann zu halten.

Er ist so anders.

So ganz anders.

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