Evangelischer Kooperationsraum Südlicher Odenwald

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Eine tierische Angelegenheit.

Die Bedeutung von Ochs und Esel in der Weihnachtskrippe

Sie sind ein fester Bestandteil jeder Krippe, die alljährlich in Kirchen und Wohnhäuser zur Weihnachtszeit aufgestellt werden. Neben Maria, Joseph und das Kind als Hauptdarsteller, den Hirten und den drei Weisen aus dem Morgenland, gehören Ochs und Esel zum Ensemble ganz selbstverständlich dazu. Da die Geburt in einem Stall stattfindet, liegt es auch nahe, Tiere in der Geschichte vorkommen zu lassen. Es ist ihr Zuhause. Verwunderlich ist es dennoch, weil sie in der biblischen Weihnachtsgeschichte nicht erwähnt werden. Es ist lediglich wahrscheinlich, dass auch Tiere im Stall waren als Maria und Joseph dort einen Unterschlupf gefunden hatten, nachdem der Versuch in einer Herberge unterzukommen, gescheitert war.

Aber Ochs und Esel sind mehr als nur eine schöne Ausstattung der Geburtsszene im Stall. Sie tauchen nicht nur in modernen Krippenspielen auf, die alljährlich aufgeführt werden, sie sind nicht nur ein Teil der Krippenfiguren, die jedes Jahr aufgestellt werden, sie tauchen auch auf fasten allen Bildern der alten Maler auf. Deren Bilder wirken oft auf den ersten Blick etwas steif und entsprechen nicht unserer heutigen Sehgewohnheit. Dabei werden sie leider oft unterschätzt, denn es handelt sich um sorgfältig gearbeitete Kompositionen, in denen jedes Detail eine Bedeutung hat. Nichts ist einfach dem Zufall überlassen. Die Farben der Gewänder, die Körperhaltung der einzelnen Figuren und deren Positionen im Bild und natürlich die Tiere. Alles hat eine Bedeutung. Heute besteht die Herausforderung darin, diese Bilder nicht nur zu betrachten, sondern sie zu ‚lesen‘, den Details eine Bedeutung zukommen zu lassen und so das Bild und seine Bedeutung zu entschlüsseln. Diese alten Weihnachtsdarstellungen haben wesentlich dazu beigetragen, dass Ochs und Esel in den modernen Krippen unsere Tage einen festen Platz eingenommen haben. Für die alten Maler hatten Ochs und Esel eine symbolische Bedeutung. Sie waren deutlich mehr als nur Teil einer bäuerlichen Kulisse. Es gibt verschiedene Zugänge, um die Anwesenheit der beiden Tiere zu verstehen. Ein paar möchte ich im Folgenden ansprechen. Und keine der Deutungen hat etwas mit Begriffsstutzigkeit zu tun, weil man ja immer wieder sprichwörtlich wie ein Ochs vorm Berge steht oder Widerspenstigkeit, weil der Esel als stur bekannt ist.

Der Ochse war vor allem ein Arbeitstier, der den Pflug zog, um einen Acker bearbeiten zu können. Der Esel ein Lastentier, das schwere Säcke oder Ware trug. Sie waren den Menschen eine wichtige Hilfe bei der Erledigung ihre Arbeit. Sie trugen die schweren Lasten des Lebens bzw. standen für Entlastung. In der Krippenszene repräsentieren sie eine Eigenschaft des Neugeborenen, der die Menschen von ihrer Last befreien wird, sie erlöst. Das Neugeborene schenkt den Menschen Heil und Freude.                                                         

Ochs und Esel machen dem Neugeborenen Platz. Sie schenken ihre Wärme und teilen die Futterkrippe. Sie leisten ihren Beitrag, damit es dem Neugeborenen gut geht. Das Entscheidende ist aber, dass die Tiere zuerst die Bedeutung des Ereignisses erkannt hatten. Ehe Hirten und andere Menschen auftauchten, waren Ochs und Esel bereits da. Tiere denken nicht lange nach, sie folgen ihrem Instinkt. Ochs und Esel stehen für die Intuition, die Fähigkeit momenthaft zu begreifen, was zu tun ist und welche Bedeutung eine Situation hat. Weihnachten kann man mit dem Verstand nicht begreifen. Es braucht diese Intuition, dieses Bauchgefühl, dass uns das Geheimnis der Heiligen Nacht aufschließt.

In den alten Malereien wurden auch gerne biblische Zitate eingebaut. Weil man das nicht im Wortlaut tat, nutzte man einfach die Bedeutung von Gegenständen, um darauf hinzuweisen. So wurde immer wieder gerne auf einen Satz verwiesen, der beim Propheten Jesaja zu finden ist. "Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn," schreibt er. Und der Prophet Sacharja sagte lange vor der Geburt Jesu voraus, dass der ersehnte König auf einem Esel kommen wird. Dieses Motiv taucht ja dann auch tatsächlich wieder auf als Jesus am Ende seines Lebens auf einem Esel in Jerusalem einzieht und von den Menschen wie ein König begrüßt wurde. An dieser Stelle bekommt auch der Ochse eine weitere Bedeutung. Er war ein Opfertier und ist in der alten Malerei immer schon ein Hinweis auf die Kreuzigung Jesu gewesen.

Zum Schluss soll noch ein biblisches Zitat erwähnt werden, dass eine weitere Deutung von Ochs und Esel anbietet. Eine eher abstrakte Beschreibung des Weihnachtsgeschehen finden wir im sogenannten Johannesprolog mit der berühmten Aussage: „Das Wort ward Fleisch und wohnt unter uns.“ An Weihnachten feiern wir nicht nur die Menschwerdung Gottes, sondern das Gott mit der irdischen Wirklichkeit verbunden ist. Die Theologen verwenden an dieser Stelle gerne das Wort Inkarnation. Gott lebt in seiner Schöpfung und ist uns Menschen durch seine Schöpfung zugänglich. Gott thront nicht über allem, sondern ist auch in der Lebenswirklichkeit des Menschen gegenwärtig. Ochs und Esel stehen sinnbildlich für diese Vorstellung.

Vielleicht ist etwas deutlicher geworden, warum Ochs und Esel an Weihnachten nicht fehlen dürfen. Der Verkündigungsengel war noch ein Wesen, dass sich zwischen und Himmel und Erde bewegte. Ochs und Esel waren die ersten Empfänger seiner Botschaft, sie erdeten, was der Engel verkündete. Sie sind die stillen Versteher in der zweiten Reihe. Noch bevor Maria die Worte des Engels in ihrem Herzen bewegten konnte, hatten Ochs und Esel schön längst die Bedeutung des Momentes erfasst. Ochs und Esel werden gerne als Akteure in der Weihnachtsgeschichte unterschätzt. Dabei haben sie es faustdick hinter den Ohren.

 

Jörg Awischus, Pfarrer

 

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