Evangelischer Kooperationsraum Südlicher Odenwald

Norbert Feick

Predigt zum Sonntag Lätare; 22.3.2020      
                                                                               
Als PDF zum Download

---

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

von ungewöhnlicher Stelle und in ungewöhnlicher Form melde ich mich heute zu Wort. Statt eines gemeinsam erlebten Gottesdienstes in der Kirche kommt die Predigt schriftlich zu Ihnen. Gerne dürfen Sie diese Predigt weiter versenden. Der Sonntag Lätare als vierter Sonntag in der Passionszeit dient als kleines Osterfest mitten in der Fastenzeit. In diese Tage fällt der Frühlingsanfang: Die Natur bricht auf, alles grünt und sprießt, die bunte Farbenpracht erfreut das Auge, wenn dann noch wie in den vergangenen Tagen die Temperaturen steigen, zieht es uns magisch nach draußen.

Doch gerade das ist in diesen Tagen immer weniger erlaubt und wird zunehmend eingeschränkt. In diesen Tagen entscheidet es sich, ob eine generelle Ausgangssperre verhängt wird. „Bisher war es für mich unvorstellbar, dass ich einmal solche massiven Einschränkungen in unserem demokratisch verfassten Staat miterleben würde.“, schrieb mir in diesen Tagen jemand. In der Tat sind es ungewöhnliche Zeiten, in denen wir leben, mit unvorstellbaren Maßnahmen, die wir erdulden müssen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 66, die Verse 10-14. Die Worte des Propheten Jesaja entfalten anhand von zwei zentralen Begriffen: Trost und Freude vielleicht genau die Antwort, die wir in diesen Tagen brauchen: „10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. 11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an dem Reichtum ihrer Mutterbrust. 12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen. 13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 14 Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.“

Die Stadt Jerusalem wird als Mutter gepriesen, die ihr Baby stillt und liebkost. Dieses Bild wird auf Gott übertragen. Gottes Trost ist in körperlicher Nähe, Liebkosungen und reichlich Essen und Trinken erfahrbar. Das väterlich-mütterliche Verhalten Gottes wird in vertrauten familiären Bildern entfaltet. Gott wird als Vater und Mutter bezeichnet und die Menschen als seine Söhne und Töchter. Die meist männlichen Gottesbilder werden bewusst durchbrochen von weiblichen Facetten: mütterlich, tröstend, liebkosend so wird Gott beschrieben. Gott als die/der Tröstende, wo unsere Ängste zur Ruhe kommen.

Bestimmt kann sich jede*r von uns an Momente des Trostes und der Freude in der eigenen Familie erinnern: auf dem Schoß der Mutter, im Arm des Vaters trockneten die salzigen Tränen schnell. Das aufgeregte Herz kam zur Ruhe. Das Weinen veränderte sich allmählich zu einem leisen Schluchzen bis das komplette Gesicht schließlich von einem vorsichtigen Lächeln umspielt wurde. So funktionieren Trost und Freude. Wer tröstet, schenkt Zeit, setzt ein Signal: Jetzt bist Du dran, nicht später, nicht irgendwann. Durch beruhigen Worte und Gesten, durch Körperkontakt von vertrauten Personen, durch das Gefühl der Sattheit nach einem guten Essen, kommen unsere aufgewühlten Gefühle zur Ruhe.

Aber alles das, was bisher immer funktioniert hat, ist in diesen Tagen zu vermeiden: Keine körperliche Nähe, keine Umarmungen, kein Händeschütteln, kein Begrüßungskuss, keine wohltuende Gemeinschaft, kein gemütliches Beisammensitzen in Cafés oder Restaurants, keine fröhliche Runde beim Angrillen mit Freuden, kein entspanntes Flanieren am Neckarlauer, kein geschäftiges Bummeln in der Stadt beim Einkaufen. Um Trost und Freude zu erfahren müssen wir in diesen Tagen erfinderisch sein. Wir müssen uns neue Wege ausdenken, wir müssen uns einschränken in unserer Bewegungsfreiheit, in unserem Konsumverhalten, aber dennoch aufeinander achten und zusammenhalten.

Wesenhaft zu Kirche gehören die solidarische Gemeinschaft, das Teilen von Freud und Leid, die Möglichkeit Empathie und Trost in der Begegnung miteinander zu erfahren, aber gerade die persönliche Begegnung ist völlig einschränkt worden. Schaffen wir es dennoch in Kontakt zu bleiben, obwohl wir uns nicht sehen? Gelingt es uns den Glauben nicht zu verlieren, dass der tröstenden, sich den Menschen zuwendenden Gott, diese Welt in seinen Händen hält und nicht ein bedrohliches Virus? Können wir unseren Glauben leben, auch ohne die vertraute Rituale und Gottesdienstliche Räume? Ein Spagat steht für uns alle bevor, ob er uns gelingt ist noch nicht entschieden.

Wenn all das verboten ist, wie sehen dann die neuen Wege aus? Wo finden wir die Trostpflaster und die Quellen der Freude für unseren Alltag? In diesen Tagen mache ich interessante Erfahrungen. Die erzwungene Einschränkung meiner Bewegungsfreiheit führt zu einer Entschleunigung meines Alltags. Das Hetzen von einem Termin zum andern, das effektive Planen, das Ausnützen aller Optionen, ist zweitrangig geworden. Stattdessen habe ich Zeit. Altbekanntes, fast Vergessenes nur für den Urlaub Aufgespartes kommt plötzlich an die Oberfläche: ein langes Telefonat führen, ein gutes Buch lesen, ein Bild malen, ein Puzzle machen, mal wieder selber Kochen, den Garten einsäen, die Wohnung putzen und – ach, fast hätte ich es vergessen - einen mit der Hand geschriebenen Brief verfassen, wie lange habe ich das nicht mehr gemacht! Und ganz nebenbei kommt dabei Freude auf.

Diese Krise macht uns alle im besten Fall demütig und führt uns zu solidarischem Verhalten. Erschrocken erkennen wir wie schlagartig sich unser Leben durch ein hochansteckendes Virus verändert kann. Und längst ahnen wir, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis die uns auferlegten Einschränkungen unserer Bewegungsfreiheit ein Ende finden werden und wir zum gewohnten Alltag zurückkehren können. Gerade manche Einschränkungen führen zu völlig neuen Möglichkeiten, sicherlich auch bei Ihnen.

So geben manche Hauskonzerte und stellen sie als Video ins Internet. Andere zünden zeitgleich um 19.00 Uhr eine Kerze an, singen und beten füreinander und bleiben so miteinander verbunden. Wieder andere erledigen Einkäufe und notwendige Besorgungen für ihre Nachbarn. Schüler*innen helfen sich gegenseitig bei den Hausaufgaben und lernen ganz nebenbei ihre Lehrer*innen als wichtige Partner*innen beim Lernen und Lösen von Aufgaben kennen.

Nutzen auch Sie ihre Kreativität, ihre Möglichkeiten zum Wohle unserer Gesellschaft. Trösten Sie und bereiten Sie Freude, dazu ruft uns der Predigttext des heutigen Sonntags auf. Verhindern Sie, dass uns die Menschen aus dem Blick geraten, die nun in Krankenhäusern oder Seniorenheimen isoliert sind. Stützen Sie die, die uns stützen, trösten Sie die Tröstenden, kümmern Sie sich um die Kümmerer. Ein aufmunterndes Wort für die Kassiererin an der Kasse, ein wertschätzendes Lächeln in der Bäckerei, ein Applaus für die Ärztin und den Altenpfleger, ein solidarisches und besonnenes Kauf- und Freizeitverhalten Nutzen wir alle unsere Möglichkeiten, um uns selbst und andere gesund zu halten.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

 

 

Gebet mit Bezug zu Jesaja 66,13 von Doris Joachim, Referentin für Gottesdienst; 19. März 2020

Lass dir erzählen, Gott, wie es uns geht.

In diesen Tagen.

Wo alles so anders ist.

So durcheinander.

Wo die Sonne lacht

und wir die Freude vergessen.

Wo die Natur neues Leben hervorbringt

und wir in Ängsten sind.

 

Tröste uns, wie eine Mutter tröstet.

 

Lass dir erzählen, Gott, wie es deinen Menschen geht.

Den Alten in den Pflegeheimen,

die wir nicht mehr besuchen dürfen wie sonst.

Und den Kranken,

die meist ohne ihre Lieben in den Krankenhäusern sind.

Allen Menschen, die in ihren Wohnungen bleiben müssen

und die Einsamkeit fürchten.

 

Tröste sie, wie eine Mutter tröstet.

 

Lass dir erzählen, Gott, wie es deinen Menschen geht.

Den Kindern, die die Sorge der Erwachsenen spüren.

Den Jugendlichen, für die Ruhe halten so schwer ist.

Den Eltern, die jetzt so viele Lösungen finden müssen.

Allen Menschen, die um ihre Existenz fürchten.

 

Tröste sie, wie eine Mutter tröstet.

 

Lass dir erzählen, Gott, wie es deinen Menschen geht.

Den Menschen, die sowieso schon am Ende ihrer Kräfte sind.

In den Flüchtlingslagern in Griechenland und anderswo.

In den griechisch-türkischen Grenzgebieten.

Und lass dir erzählen von den vielen Menschen,

dort und hier,

die helfen und nicht müde werden.

 

Tröste sie, wie eine Mutter tröstet.

 

Gott, schütte sanft deinen Trost über uns aus.

Der uns umhüllt.

Und Segen dazu.

Der uns immun macht

gegen die Panik.

Sage zu unserem ängstlichen Herzen:

„Beruhige dich.“

Sprich zu unserer verzagten Seele:

„Ja, die Gefahr ist da. Aber ich bin bei dir.“

 

Und noch dazu und allem zum Trotz:

Gib uns die Freude wieder.

An der Sonne.

An der aufbrechenden Natur.

An den Menschen, die wir lieben.

An dir, du Gott des Lebens.

Damit wir mutig durch diese Zeit gehen.                          Amen

Evangelischer Kooperationsraum Südlicher Odenwald | Gemeinsames Gemeindebüro für die Ev. Kirchengemeinden Hirschhorn, Neckartseinach und Rothenberg: 06272 2225