Evangelischer Kooperationsraum Südlicher Odenwald

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Ein österlicher Moment

 

Xin Ying, Tänzerin

iDer christliche Glaube an die Auferstehung entzieht sich der menschlichen Vorstellungskraft. Dennoch existieren viele Kunstwerke, die genau das versuchen. Mit künstlerischen Mitteln versuchen sie, das Unvorstellbare abzubilden. Das scheint ein hoffnungsloses Unternehmen zu sein, dennoch gelingt es ihnen immer wieder österliche Momente zu kreieren. Diese Bilder erinnern ein wenig an die Geschichte von den Emmaus Jüngern. Zwei Männer waren miteinander im Gespräch vertieft. Ein dritter kommt hinzu. Das Gespräch wird fortgesetzt. Erst am Abend als sie zusammen am Tisch sitzen und eine Mahlzeit einnehmen, erkennen sie Jesus in dem Fremden. Im Moment des Erkennens verschwindet aber Jesus. Er entzieht sich ihrem Zugriff. Hier wird ein österlicher Moment in einer biblischen Bildsprache beschrieben. Diese Momente hat es in Folge dieser Erzählung immer wieder gegeben. Sie wurden weitererzählt oder in Bildern und Skulpturen festgehalten. All diese Werke erinnern daran, dass es österliche Momente gibt.

Das Bild zeigt die Tänzerin Xin Ying. Sie scheint zu schweben. Voller Leichtigkeit und Anmut ist diese Aufnahme. Wie eine Feder, die sich von einem Luftzug emporheben lässt. Alles Schwere ist fort. Die Erdanziehung scheint für einen Moment außer Kraft gesetzt. Ästhetik und Athletik bilden eine kunstvolle Einheit. Ein österlicher Moment. Hier ist keine künstlerische Inszenierung der biblischen Tradition zu finden und doch ist sie präsent.

Das Bild ist im Rahmen des NYC Dance Project entstanden. Die Fotografen Deborah Ory und Ken Browar hatten etwas ganz anderes im Sinn als sie begannen, bedeutende Tänzer der Gegenwart zu fotografieren. Sie wollten deren liebste Tanzpose fotografisch einfangen.

Ohne Worte etwas Wesentliches auszudrücken, ist eine Herausforderung. Tänzer*innen üben und trainieren für diese Momente intensiv. Die erforderliche Körperbeherrschung ist dabei ein Mittel zum Zweck. Die Grenzen des Möglichen sollen ausgelotet werden. Gleichzeitig soll die Grenzerfahrung beglückend sein und eine erlösende Leichtigkeit ausstrahlen. Die Bewegung löst das Starre und schafft eine betörende Lebendigkeit, die paradoxerweise in einem Moment festgehalten wird.

Gewöhnlich besteht der Tanz in einer schnellen Abfolge von Figuren. Hier ist ein einziger Moment, eine einzige Bewegung, eine Pose inszeniert und mit der Kamera eingefangen worden. Das Bild macht etwas Innerliches sichtbar. Die Tänzerin Xin Ying verkörpert in diesem Augenblick etwas Entrückendes und wir als Betrachter sind Augenzeugen. Mit ihr zusammen werden wir emporgehoben und werden Teil der Leichtigkeit, die dieser Moment ausstrahlt.

Die Auferstehung ist etwas Unvorstellbares, sie entzieht sich unserem Begreifen. Gleichzeitig sehnen wir uns danach, dass Grenzen in unserem Leben überwunden werden, dass Enge sich in Weite verwandelt, dass bedrückende Sorgen von erhebender Zuversicht abgelöst werden, der Schmerz der Verlassenheit durch zärtliche Nähe geheilt wird, aus Tränen der Trauer Tränen der Freude werden, dass die Schwere des Lebens überwunden und Momente beglückender Leichtigkeit möglich sind.

Das Bild zeigt einen österlichen Moment. Die Tänzerin Xing Ying hat für einen Moment die Schwere des Lebens, die Grenzen des menschlichen Körpers überwunden. Es ist die Erfahrung der Überwindung von allem, was einengt und begrenzt. Es ist die Erfahrung der Auferstehung, die immer nur im Augenblick erfahrbar ist. Wenn das Erkennen einsetzt, ist dieser Moment schon wieder vorbei.

Die Emmaus Jünger fragten sich nach diesem Moment: „Brannte nicht unser Herz in uns?“ Der österliche Moment hinterlässt Spuren, die bleiben. Ein brennendes Herz ist Ausdruck von Leidenschaft, eine Passion, die eine verwandelte Kraft entfaltet. Jedem Menschen ist solch ein Herz gegeben.

Jörg Awischus

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