Evangelischer Kooperationsraum Südlicher Odenwald

zum Ausdrucken als PDF                        videoandacht ab 13.12.20; 11:00 uhr

Caspars Geschichte

 

Ja! Euch auch eine gute Nacht!

Schlaft gut Melchior und Balthasar!

Danke Wirt, dass ich mich noch einen Moment sitzen lasst.

Ich weiß es ist spät geworden… Und bald bricht schon der neue Tag wieder an…
Aber so etwas geschieht ja auch nicht alle Tage!
Was für ein Tag!
Ich könnte jubeln!

Er entschädigt mich für all die Mühsal der letzten Wochen! Nur ein paar Tage noch, dann sind wir am Ziel!
Dass wir drei uns heute getroffen haben, das muss ein Zeichen des Himmels sein! Das IST ein Zeichen des Himmels!

Wie oft habe ich in den vergangenen Wochen mit mir gehadert. Wie oft habe ich mir das gesagt: Caspar, du bist ein Idiot! Hast dich in eine dumme Idee verrannt und jagst Hirngespinsten nach!

Aber ich sehe den Stern doch wahrhaftig! Ich und viele andere auch! Immer wieder wurde ich auf meiner Wanderung angesprochen. Du bist doch ein Sternenkundiger, ein Sternendeuter! Du musst es doch wissen!
Aber ich hatte keine Antwort. Nur Fragen…

Wenn solch ein Stern auftaucht, dann kann es doch nicht anders sein: dann sind die himmlischen Mächte in Aufruhr und es wird etwas Unvorstellbares geschehen. Etwas, dass alles verändert – auch hier auf der Erde…

Lange habe ich gegrübelt und dann mich dafür entschieden: Wenn irgendjemand den Lauf dieser Welt verändern kann, dann muss das doch ein König sein. Wer sonst hätte solch einen Einfluss? Es muss ein König mit unermesslicher Macht sein.

Ich weiß es natürlich nicht. Aber ich vermute; nein: ich bin mir sicher: es wird ein neuer König geboren werden, den die Mächte des Himmels ankündigen. Und nicht nur das: sie werden ihn auch unterstützen!

Aber wo? Und wann?

Oder ist alles ganz falsch und geschieht eine große Katastrophe, die die Welt zerstört. Stürzen die Mächte des Himmels auf die Erde, um sie zu zerstören?
Ich weiß es nicht
Aber ich hoffe…

Ich vertraue darauf, dass der Stern – so schön wie er ist - eine Verheißung ist. Also habe ich mich auf den Weg gemacht. Wollt den neuen König suchen und ihm meine Ehrerbietung erweisen.

Was aber bringe ich einem König.
Ich habe mich für das Harz eines Baumes in meiner Heimat entschieden: Myrrhe. Es duftet intensiv.
Heilung bringt es. Oft hat man gesehen, dass Wunden aufhörten zu eitern und sich stetig schlossen, wenn eine Tinktur mit Myrrhe darauf gegeben wurde.
Und Myrrhe dämpft den Schmerz.
Aber teuer ist es. Nicht jeder kann es sich leisten..
Ich kenne den Duft von Myrrhe noch aus meiner Kindheit. Myrrhe – riecht nach Heilung! Myrrhe riecht wie ein Versprechen: Alles wird gut!
So ist es eines Königs würdig!

Einen langen Weg habe ich schon hinter mir. Ich komme aus einem Land im Süden, aus der Hafenstadt Opone. Viele Wochen war ich unterwegs durch Äthiopien, Eritrea Ägypten. Viel habe ich gesehen: Die Mühsal der Menschen. Mit dürrem harten Boden haben sie gerungen und ihm die Nahrung abgetrotzt.
Streit habe ich gesehen, und Ungerechtigkeit. Wo Not ist und Menschen verhungern, dort bleibt die Moral auf der Strecke. Recht und Gerechtigkeit reichen nur bis zum Schrei eines gequälten Kindes dessen Bauch sich im Hunger gebläht hat.
Ich habe Menschen um einen Kolben Mais streiten sehen. Eine Schale voll Reis war ein unglaublicher Reichtum.
Die flehenden Blicke der Kinder, das Leiden der Mütter, die ihnen nichts zu essen geben konnten, die Väter, die keine Kraft zur Arbeit mehr hatten – all das habe ich gesehen und mir oft gewünscht – all das möge einmal ein gütiger König sehen.
Ich habe die Gier gesehen, die aus der Not geboren war, den Kampf um das Überleben, der aus Nachbar Feinde macht…
Ich habe eine kaputte und zerstörte Welt gesehen.

Und direkt daneben die Mächtigen, die Fürsten, die sich alles leisten konnten und deren Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden und deren Habsucht sich wie ein unendlicher Eiterfluss durch die Lebenshaut der Länder fraß und das Lebe der kleinen Leute zerstörte…

Krank. Krank ist diese Welt wahrhaft krank…

Immer wieder habe ich mir gedacht: es muss etwas neu werden auf dieser Welt. Wie kann diese Welt nur heilen und gesunden?

Jede Nacht, wenn ich nach dem Stern gesehen habe,
seinen Weg und mein Ziel neu berechnet habe, da habe ich mit diesem Stern gesprochen: Führe mich zum Heil…

Führe mich dorthin, wo es Rettung für diese leidende Welt gibt.

Einsam und verloren kam ich mir vor dabei. Keiner hat meinen Gedanken folgen wollen oder können. „Diese Welt kann nichts mehr heilen…“ wie oft habe ich das zu hören bekommen…

Bis heute…
Heute traf ich zuerst Melchior.
Er kam aus einem fernen Land aus jenem Teil der Welt, wo die Sonne untergeht. Auch sein Blick immer wieder zum Himmel gerichtet auf der Suche nach diesem Stern. Ja! Auch er hat ihn gesehen! Dort wo die Sonne versinkt! In einer anderen Welt. Und auch er hat sich auf den Weg gemacht auf der Suche nach Erkenntnis und Heil.

Er will dem neuen König Gold bringen. Ich habe mich gewundert. Willst du ihn zur Gier ermuntern? Habe ich ihn gefragt.

Nein hat er gesagt. Genau das Gegenteil! Er soll genug davon haben, so dass er sich keine Gedanken darum machen muss.
Er soll frei sein, um zu sehen, wie die Menschen wirklich leben in ihrer täglichen Mühsal - und nicht geblendet werden vom Glanz des Reichtums

Er soll frei sein zu hören, welche Sorgen die Menschen zu berichten haben, und nicht abgelenkt werden vom Geschrei derer die ihm Geschäfte anbieten.
Er soll frei sein, das Glück aufrichtiger Liebe zu fühlen die dem Anderen das seine gönnt und sich nicht im Neid verliert

Melchior will ihm Gold schenken mit dem Wunsch, er möge genug davon haben. Damit er ohne Angst teilen kann und ein fürsorglicher Regent sein kann.

Und dann hat er mir erzählt, was er auf seiner Reise gesehen hat Die Pracht von Byzanz, von Rom und Korinth und die Armut der Menschen fernab von den reichen Städten…
Während er sprach, dachte ich immer wieder, ich lauschte dem Bericht meines eigenen Weges!

Dann, als wir gemeinsam aufbrechen wollten, um uns vereint von dem Stern zu dem neuen König führen zu lassen, da sprach uns auf einmal Balthasar an.
Auch er: ein Sterndeuter. Ein Magier aus dem Teil der Welt, in dem die Sonne aufgeht und ihren Weg durch den Tag beginnt.

Auch er berichtete von der Krankheit der Welt, die er auf seiner Reise gesehen hat. Er berichte von Menschen die im Gebet versänken und sich von der Not der Welt abgewandt hatten.
Von Menschen, die sich die Not erträglich machten, indem sie glaubten, dass die Götter sie ihnen gegeben oder gar als Strafe auferlegt hätten.
Er hatte Menschen gesehen, die aufgegeben hatten und wie leere Hüllen und Körper ohne leben vor sich hin keuchten.
Keuchen - mehr Leben war nicht mehr in ihnen…

Er habe Weihrauch dabei.
Ein Räucherwerk, das dem neuen König eine Verbindung zu den Göttern schenken möge, damit er erkenne, was Leben wirklich sein solle und was die Menschen in Wahrheit bräuchten…

Auf seiner Wanderung hat er, um sich abzulenken und seinen Gefühlen und Hoffnungen einen Platz zu geben diesen Stern geschnitzt…
Wie hoch der Stern gestanden haben muss. Dass wir ihn alle haben sehen können. Und nun hat er uns zusammengeführt. Er nähert sich der der Erde – als ob die Mächte der Himmel der Erde etwas schenken wollten.
Und er hat uns zusammengeführt…

Drei Männer waren wir auf einmal. Drei Männer auf der Suche nach Erkenntnis und Weisheit, die die Welt retten könne.
Drei Männer in der Gewissheit, dass dieser Stern ihnen den Weg zeigen würde zu dem Ort, wo diese Erkenntnis zu finden sei.
Ich war auf einmal nicht mehr allein mit meiner Hoffnung!

Was für ein Tag! Ich fühle mich leicht.  

Gedankenverloren nimmt er ein paar Körner Myrrhe aus dem Topf, zerreibt sie und riecht daran…

Myrrhe – riecht nach Heilung.

Ich freue mich auf die nächsten Tage! Ich weiß es jetzt:
Ich bin nicht verrückt und kein einsamer Idiot! Ich habe Weggefährten. 
Wir werden etwas Neues entdecken.
Ich bin sicher, wir werden die Mächte des Himmels neu verstehen.
Ob wir am Ende den größten und mächtigsten Gott erleben werden

Ich weiß es nicht. Und ich habe keine Vorstellung, was uns erwartet.
Aber ich glaube, die Himmel werden uns offen stehen und der Stern ist nur ein Vorgeschmack für ein himmlisches Licht das uns begegnen wird.

Weit kann es nicht mehr sein! Ich weiß es, wir sind bald am Ziel! Und ich will mit wachem Geist ankommen.

Noch einmal kurz das Heilsversprechen der Myrrhe riechen… Mmmh (er schnuppert und tut das Granulat zurück in die Dose: ) Alles wird gut!

Also dann …    Herr Wirt!              
Zeigst du mir bitte meine Schlafstatt?
Ein wenig will ich noch versuchen zu schlafen -auch wenn ich vor lauter Vorfreude wohl kaum ein Auge zumachen kann!

 

Eine Erzählung von:
Reinhold Hoffmann

Odenwälder Landstr. 1
64760 Oberzent - Rothenberg

Evangelischer Kooperationsraum Südlicher Odenwald | Gemeinsames Gemeindebüro für die Ev. Kirchengemeinden Hirschhorn, Neckartseinach und Rothenberg: 06272 2225