Evangelischer Kooperationsraum Südlicher Odenwald

Predigt von Pfarrer Norbert Feick zum 12. 7. 2020

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus.

 

Liebe Gemeinde, der Predigttext steht im Lukasevangelium, Kapitel 5, die Verse 1-11: Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

 

In der Geschichte habe ich Außergewöhnliches entdeckt, dass ich gerne mit Ihnen teilen möchte. Dabei fängt die Geschichte so unscheinbar an. Da sitzen Fischer am Ufer eines Sees. Statt ihre Fische feil zu bieten sitzen sie da und waschen müde ihre leeren Netze. Die ganze Nacht habe sie gearbeitet, aber nichts gefangen. Das liest sich wie eine Erfahrung unserer Zeit: Nutz- und sinnloser Kräfteverschleiß, sich leer und ausgebrannt fühlen. Leere Netze waschen – und dabei fragt man sich: Was habe ich nur falsch gemacht? Ist jetzt wirklich alles umsonst gewesen?

 

Direkt neben ihnen, eigentlich sogar in ihrem Boot, findet ein Gottesdienst statt. Das ist das erste Außergewöhnliche. Ein Gottesdienst mitten in ihrem Alltag. In den ungewöhnlichen Zeiten, in denen wir gerade leben, finden auch Gottesdienste an ungewöhnlichen Orten statt: An Ostern als Gottesdienst für Zuhause in der Tüte oder an Pfingsten etwa als Wandergottesdienst in Michelbuch oder an diesem Wochenende als Familiengottesdienst2Go im Wald rund um die Stangenberghalle in Neckarsteinach. Aber waren Sie schon einmal bei einem Gottesdienst in der Bäckerei, am Neckarlauer oder im Autohaus? Wie außergewöhnlich wäre ein Gottesdienst an ihrem Arbeitsplatz, im Betrieb, ein Gottesdienst mitten in unserem Alltag, in einer Sprache, die wir verstehen, mit Worten die uns bewegen, mit Bildern, die sich uns erschließen? Genau das will Gott – Mitten in unserem Alltag sein.

 

Außergewöhnlich finde ich zum zweiten, dass nach diesem Gottesdienst der gelernte Zimmermann den frustrierten Fischern Ratschläge erteilt, wie sie ihren Beruf am besten auszuüben haben. Das ist ja die Höhe! Das wäre so, wie wenn eine Verkäuferin einem Banker sagen würde, welche Geldanlage die beste sei, oder wenn ein Gastronom einer Ärztin Ratschläge gäbe, worin die beste Therapie für die Patienten bestehe. „Schuster bleib bei deinen Leisten!“, heißt das Sprichwort. Denn nur wer vom Fach ist, gilt als Experte, wer sich in das Fachgebiet eines andere einmischt, als Besserwisser! Dennoch veranlasst die Berufsfischer irgendetwas der Aufforderung Jesu zu vertrauen. Sie lassen sich nicht leiten von ihrer Frustration. Sie machen einen Versuch – gegen besseres Wissen, gegen allen Augenschein, gegen alles, was man als Fischer so tut. Sie vertrauen Jesus. Dabei riskieren sie sich bis auf die Knochen zu blamieren, sich das Gelächter der anderen in Zukunft anhören zu müssen, das müde Lächeln und das vorwurfsvolle Kopfschütteln. Das Risiko nimmt ihnen niemand ab. Aber das Wunder geschieht nur, wenn du voll in das Risiko gehst. Stell dir vor, du liebst und deine Liebe wird erwidert. Stell dir vor du betest und Gott antwortet dir. Stell dir vor, du entschuldigst dich und dein Gegenüber nimmt die Entschuldigung an. Nur volles Risiko oder sollte ich besser sagen volles Vertrauen bewirkt das Wunder.

 

Das Vertrauen von Simon und der anderen hat sich gelohnt. Sie machen ihren Jahrhundertfang. Der große Fang kann nur mithilfe der herbeigerufenen Nachbarboote an Land gebracht werden. Der große Erfolg geht weit über ihre Kräfte. Nur mit vereinten Kräften können sie ihn heben. Die vorletzte Außergewöhnlichkeit dieser Geschichte. Nur mit vereinten Kräften gelingt es. Unsere gegenwärtige Krise hat es uns mehr als deutlich vor Augen geführt: nur als Gesellschaft können wir sie bewältigen. Das Tragen der Masken, das Einhalten der Distanz, die Hygieneregeln, nur wenn jede*r mitmacht, können wir die Krise bewältigen, wenn jede*r nur auf sich selbst geschaut hätte, werden wir Scheitern.

 

Die letzte Besonderheit dieser Geschichte ist das furchtbare Erschrecken des gestandenen Fischers Simon. Er erschreckt über sich und über Jesus und dass er es mit der Kraft des Glaubens zu tun bekommen hat. In seinem Selbstbewusstsein erschüttert, in seinem Gewissen erschrocken, von der Kraft des Glaubens überwältigt, stammelt Simon: „Weg von mir!“ So sind wir Menschen. Uns ist es schrecklich peinlich, wenn wir uns blamieren und aus der Rolle zu fallen. Aber Simon, der aus der Rolle gefallen ist, bekommt von Jesus eine neue zugewiesen.

 

Und damit hört die Geschichte auf oder sollte ich sagen, fängt sie erst richtig an. Simon beherzigt die Worte Jesu: „Von nun an wirst du Menschen für das wahre Leben gewinnen.“ Sie und ich, wir sind das lebendige Beispiel dafür. Wir haben uns für das wahre Leben gewinnen lassen und bis zum heutigen Tag werden immer wieder Menschen für die Sache Jesu überzeugt und begeistert. Nicht nur in unseren Breiten, sondern in allen Teilen der Welt setzten Menschen ihr ganzes Vertrauen auf den Jahrhundertfang ihres Lebens.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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